Teil II der Serie “30 Stunden sind genug!”

> Teil I

Das Kapital in seiner Jagd nach Profit, Extraprofit und Monopolstellung muss und will uns ausbeuten, am liebsten grenzenlos. Niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten prägten und prägen unser Leben. Arbeitszeiten, oft höher als tariflich vereinbart oder vom Arbeitszeitgesetz erlaubt, sind üblich. Unbezahlte Überstunden, gestrichene Gleitzeitstunden tägliche Praxis. Der 8-Stunden-Tag steht häufig nur noch auf dem Papier. Die Geschichte des Kapitalismus ist auch eine Geschichte des Kampfes zur Verkürzung des Arbeitstages. Beschränkung der Ausbeutungszeit, also Verkürzung der Arbeitszeit, ist ein Schritt zur Humanisierung der Arbeit. Die Arbeitszeitverkürzung ist notwendiger denn je.

Argument Nr. 2

Der Produktivitätsfortschritt in den letzten Jahrzehnten ist enorm. In immer kürzerer Zeit können immer mehr Produkte hergestellt werden (siehe dazu auch die Auf Draht vom 11. Juni 2013). Doch anstatt am Produktivitätsfortschritt z. B. durch Arbeitszeitverkürzung teilzuhaben, werden wir in die fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückgeworfen. Physische und insbesondere psychische Belastungen nehmen in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zu.

„Der Arbeitsplatz ist Stressfaktor Nummer eins“, titelte die Süddeutsche Zeitung und bezieht sich dabei auf eine Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).1 Vier von fünf Kolleginnen bzw. Kollegen gaben in der Umfrage 2012 an, dass die Arbeitsintensität weiter gestiegen ist. Mehr Arbeitsintensität bedeutet mehr Arbeitshetze, und so fühlen sich auch 74 Prozent „sehr häufig“ oder „oft“ gehetzt.

Die Zahl der Krankmeldungen hat 2011 einer Studie der DAK zufolge den höchsten Stand seit 15 Jahren erreicht, 13,2 Fehltage pro Versichertem. Berücksichtigt man, dass nach dem AOK-Fehlzeiten-Report 59 Prozent (!) der Kolleginnen und Kollegen im letzten Jahr trotz Krankheit gearbeitet haben, ergibt dies ein erschreckendes Bild unseres Gesundheitszustandes, erzwungen durch die gnadenlose Jagd auf Profit und Extraprofit. Wir arbeiten uns im wahrsten Sinne des Wortes krumm und buckelig.

„Häufigste Krankheitsursache seien auch 2011 wieder Gebrechen am Muskel-Skelett-System gewesen, auf die 21,3 Prozent aller Krankheitstage entfallen seien“, berichtet die Süddeutsche Zeitung.2 Die Berufsgenossenschaften stellen dazu fest: „Überbelastungen, aber auch fehlende Belastungen, können das Zusammenspiel von Muskeln, Knochen und Gelenken negativ beeinflussen. Muskel- und Skelettbelastungen an Arbeitsplätzen sind vielfältig …“3 und nennen dabei u. a. folgende Belastungen: manuelle Lastenhandhabung wie Heben, Halten, Tragen, Schieben von Lasten, erzwungene Körperhaltungen z. B. im Sitzen, Stehen, Hocken, Knien, Arbeit mit erhöhter Kraftanstrengung und „repetitive Tätigkeiten mit hohen Handhabungsfrequenzen“4, auf gut Deutsch stumpfsinnige Arbeit an Fließbändern. Auch psychische Belastungen können zum Auftreten und zur Verstärkung von Beschwerden des muskuloskelettalen Systems führen, wie weiter ausgeführt wird.

„Zu viel berufliche Flexibilität schadet der Psyche“, so überschreibt das Wissenschaftliche Institut der AOK eine Pressemitteilung vom August letzten Jahres.5 „Durch die zeitliche und räumliche Flexibilisierung der Arbeitswelt stoßen Arbeitnehmer an ihre psychischen Belastungsgrenzen. Insbesondere bei ständiger Erreichbarkeit, häufigen Überstunden, wechselnden Arbeitsorten und langen Anfahrtswegen zur Arbeit leiden Beschäftigte zunehmend an psychischen Beschwerden.“6

Ein Drittel (32,3 Prozent) der Kolleginnen und Kollegen haben Überstunden gemacht, und so geben 62,3 Prozent Kolleginnen und Kollegen in einer Befragung zu „Arbeitsbedingungen, Arbeitsbelastungen und gesundheitlichen Beschwerden“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) an, dass sie mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten.7 Zwei Drittel (66,6 Prozent) gaben an, auch samstags zu arbeiten, 41 Prozent auch an Sonn- und Feiertagen. Jeder Zweite (52,9 Prozent) arbeitet in Schicht, und jeder Vierte (25,5 Prozent) hat versetzte Arbeitszeiten. Damit nicht genug, hat jeder dritte Berufstätige in seiner Freizeit beruflich bedingt telefoniert oder aber E-Mails bearbeitet (33,8 Prozent).8 Kein Wunder also, dass bei psychischen Erkrankungen eine deutliche Zunahme zu verzeichnen ist, nämlich um 120 Prozent seit 1994.9

Mittlerweile sind psychische Erkrankungen zu einem Drittel für Erwerbsminderungsrenten verantwortlich, wie die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) in ihren iga.Fakten 1 berichtet. Erwerbsminderungsrenten werden dann bezahlt, wenn der Betroffene nicht mehr als zwei Stunden am Tag arbeiten kann. Waren es 2006 noch 159.000 Kolleginnen und Kollegen, die auf diese Weise durchs kapitalistische Ausbeutungsraster fielen, sind es 2011 bereits 180.000 Erwerbsgeminderte. 1,6 Millionen Kolleginnen und Kollegen mit einem Durchschnittsalter von etwa 50 Jahren sind es bereits.10

Doch nicht nur die Psyche wird angegriffen. „Wer viele Überstunden macht, wird schneller herzkrank. Dafür sprechen neue Ergebnisse einer Langzeitstudie aus Großbritannien. Danach hatten Angestellte, die regelmäßig drei bis vier Überstunden pro Tag leisteten, ein um 60 Prozent erhöhtes Risiko für Koronarerkrankung (Herzerkrankungen) als ihre Kollegen mit normalen Dienstzeiten“, dies berichtet die Ärzte-Zeitung in ihrer Online-Ausgabe am 12. Mai 2010.

Ausgleich im Alltag, Sport treiben und gesund leben empfehlen uns Krankenkassen, Ärzte und alle möglichen Gesundheitsapostel. Um diesen Ausgleich zu haben, brauchen wir Arbeitszeitverkürzung dringender denn je. Weniger Stunden am Tag krank machende Lohnarbeit, mehr Stunden, um uns erholen zu können! Dazu mehr in der nächsten Auf Draht, die am 17. September 2013 erscheint.   rw

1 Süddeutsche Zeitung, 27. März 2012
2 Süddeutsche Zeitung, 14. Februar 2012
3 http://www.dguv.de
4 ebda
5 Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK vom 16. August 2012
6 ebda
7 Grundauswertung der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2012
8 Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK vom 16.  August 2012
9 ebda
10 DIW-Wochenbericht Nr. 24/2013