Erst einige Eckpunkte zum Kampf um die Arbeitszeitverkürzung. Dann will ich eingehen auf den Kampf um die 35 in Deutschland.

Die schärfsten und dauerhaftesten, die erbittertsten Klassenkämpfe wurde um die Arbeitszeitverkürzung geführt.

Es dauerte Jahrhunderte, bis der Arbeitstag für das Kapital diszipliniert wurde.
Der Arbeitstag der Handwerker betrug etwa 12 Stunden, mal mehr, mal weniger. Privilegien wie der Blaue Montag und willkürliche Pausen waren den Zunftgesellen vorbehalten.

In den 20er Jahren des 19. Jhdts. – Übergang zur Manufaktur – verschwanden die Privilegien: z.B.14/16/18 Stundentag der Weber, für Mann, Frau und Kinder, Sonntagsarbeit war üblich.

1855 Erstes Gesetz über den Normalarbeitstag:
10-Stunden-Bill, (Chartisten in England) – ein Staatsgesetz. Die Kapitalisten erkannten, dass Arbeiterklasse vor die Hunde geht.
Aber in der Folge: Intensivierung der Arbeit.

Die Arbeiterklasse in England schrieb auf ihre Fahnen: 8 Std. Arbeit / 8 Std. Bildung, Erholung / 8 Std. Ruhen.
Diese Losung stand am Beginn des weltweiten Kampfes um den Normalarbeitstag. Das ist die gesetzlich vorgeschriebene Höchstarbeitszeit, die für ALLE gelten muss.

In Deutschland damals bis zu 85 Wochenstunden.

Die Einführung der Maschinerie brachte die Verlängerung des Arbeitstages. Warum: erst wenn die Maschine – an sich totes Kapital – menschliche Arbeitskraft einsaugen kann, entsteht Profit. Die Kapitalisten wollen diese Vereinigung von Mensch und Maschine solange wie möglich aufrechterhalten. Daran hat sich bis heute nichts geändert!

Der kapitalistische Arbeitstag kennt keine Grenzen. Er hat tendentiell 24 Stunden. Die Grenze ist der physische Ruin der Arbeitskraft. Daraus ergibt sich die Brisanz des Kampfes um den Normalarbeitstag.

In den Arbeitervereine in Deutschland, den Vorgängern der Gewerkschaften, sammelten sich die bewusstesten Vertreter ihrer Klasse. Sie kämpften für Arbeitszeitverkürzung, um Zeit für politische Organisierung zu haben.

Eine der größten Streikbewegungen zur Arbeitszeitverkürzung fand 1903/4 im sächsischen Crimmitschau statt. An die 8.000 Arbeiter und vorallem Arbeiterinnen der Textilindustrie kämpften für den 10-Std.Tag. Aussperrung, Belagerungszustand, es gab Tote und Verletzte bei den Streikenden.
Der Streik wurde ohne Ergebnis nach 22 Wochen von der Gewerkschaftsführung abgebrochen – hinter dem Rücken der Streikenden. [Wikipedia] Die Geschichte der Arbeitszeitverkürzung – auch eine Geschichte des Verrats an der Arbeiterklasse – wie wir später noch sehen weden.

Bis 1914: die Mehrzahl der Betriebe in Deutschland hatte tariflichen 10-Std.Tag;
1916 Gesetz zum vaterländischen Hilfsdienst: 16 Std.Tag

1918: eine Revolution war nötig, um ein Zwangsgesetz in Deutschland hervorzubringen: den 8-Stundentag! Es war das erste und einzige Mal, dass gesetzliche Verkürzung durchgesetzt wurde. Die Willkür der Kapitalisten wurde für eine Zeit gebremst. Ein
weiterer Erfolg war die Anerkennung von Tarifverträgen.

1923 ist gekennzeichnet von der Niederlage der Arbeiterbewegung in Deutschland. Der Hamburger Aufstand war niedergeschlagen, die Niederlage der Arbeiter an Rhein und Ruhr nach dem Kapp-Putsch besiegelt – Ende der revolutionären Phase.

Der Staat greift nun ein – zur Verlängerung des Arbeitstages!
Der Großindustrielle Borsig u.a. verlangen den schrankenlosen Arbeitstag. Die Aufhebung des 8-Stundentages durch den Staat wird ermöglicht per Verordnung.
Eine rasende Entwicklung der Produktivkräfte in Deutschland, in den 30er Jahre höchster techn. Stand der Maschinerie in Europa.

1932: 41,5 Stunden in Metallindustrie. (Merkt euch diese Zahl!)

1934 Faschismus: Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit. Die Arbeiterorganisationen waren zerschlagen, die Arbeitszeit wird nach dem Führerprinzip geregelt.
1938 50-Stunden-Woche. Was folgt, ist Anpassung an Kriegswirtschaft

Der Kampf um die 35

1977 IGM-Gewerkschaftstag beschließt auf Druck der Basis:
Kampf für die 35-Std.Woche!
Hintergrund: Krise 74/75 brachte erstmals 1 Million Erwerbslose, die Rationalisierung marschiert.

1977/78 Jahreswechsel: die Stahlkocher gingen voran im Kampf für die 35 – 6 Wochen lang Stahlstreik!
Die große Kampfbereitschaft wurde nicht genutzt, es wurden nicht alle Koll. in den Streik geführt – Folge: Aussperrung, Kurzarbeit.

Die Stahlöfen wurden weiter mit Notdienst betrieben, von Betriebsräten und Kapitalisten organisiert, anstatt sie als Faustpfand zu benutzen, wie das die Kumpel forderten.

Ergebnis des Streiks: Freischichten für Nachtarbeiter, 3 Tage Urlaub mehr (6 Wochen), aber die 40 stand eisern weiter im Tarifvertrag!
Empörte Kollegen gingen gegen die eigenen Führer vor. Die
Stahlkocher forderten den Rücktritt von Verhandlungsführer Herb.

1984: Regierung Kohl, nach Krise 82/83 über 3 Mio. Erwerbslose.

Der DGB hat schon Mitte der 1980er Jahre ausgerechnet, dass ein VW-Arbeiter im Schnitt nur 6 Minuten pro Stunde für sich arbeitet und 54 Minuten für die Aktionäre.

Streik in Druckindustrie April – Juli, Einstieg für Drucker in 35, nach 13 Wochen Streik Ergebnis 38,5.
Die IGM stand einen Monat tatenlos daneben…

Erst im Mai Steikbeginn IGM in BaWü.
Nach 7 Streikwochen Einstieg für Metaller mit 38,5.
IGM-Führung gab Kampfbereitschaft nach. Schwindender Einfluss der IGM bzw. der Sozialdemokratie unter Kohl sollte aufgefangen werden.
Jedoch die Streikführung war halbherzig – sog. „Nadelstichtaktik“ bei Zulieferern der Automobilindustrie war falsch, die Folge war Aussperrung in Autoind., 57.000 im Streik, 155.000 ausgesperrt.

Egebnis war sog. Leber-Kompromiss, (Schlichter war ex. IG Bau-Vorsitzender Georg Leber, SPD, Kriegsminister unter Schmidt)
Ein Kompromiss des Kompromiss: Spaltung in 40- und 37-Stündler (=38,5), je nach Ertragslage in den Fabrikteilen.

Ein Einstieg? Ein Minutenschacher! 18 Minuten weniger, grade mal eine Zigarette, ein Kaffee…

Wie immer, wenn die Arbeiterklasse eine Niederlage erlitt, schlug Kapital zu:
Beginn der Flexibilisierung im Betrieb. Siemens tat sich hervor in der Entwicklung neuer Arbeitszeitmodelle! Stichwort KAPOVAZ (kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit).
Die Gleitzeit griff um sich. Das trojanische Pferd – die Angestellten.
Alle Poren des Arbeitstags begannen sich zu füllen.

Weitere Folge: Verbetrieblichung der Arbeitszeitfrage! BRe machten ihren Frieden, hatten sie doch Mitbestimmung bei der betrieblichen Arbeitszeit.
D.h. auch, die 35 war nicht mehr auf der Agenda der IGM, Streik war kein erklärtes Mittel mehr.

Folgen für die Klasse: Auflösung des Normalarbeitstages, der 8-Stundentag gerät aus dem Bewusstsein – Zauberwort Flexi.

1985 noch ein Schlag: Blüms Reform der AZO von 1938: gesetzliche Festlegung auf 48 Stundenwoche. Das Beschäftigungsförderungsgesetz bringt mehr Leiharbeit, Nachtarbeit für Frauen.

[Auch eine politisches Ergebnis der Niederlage: sog. Antistreikparagraf – §116a AFG, Verschärfung in 1986, Verhinderung der Fernwirkung bei Streik – in „mittelbar“ betroffenen Betrieb kein KUG, kalte Aussperrung, indirekt Einschränkung des Streikrechts!]

Fast 20 Jahre ließ die IGM dem Kapital Zeit, bis endlich – nach einigen Stufen – die 35 im Tarifvertrag stand. Das war erst 1995!

1994 Neuauflage des Arbeitszeitgesetzes (AZG): 10 Stundentag, 60 Std. Woche möglich, Samstagsarbeit. Das AZG holte Hitler ein!

In diesen 20 Jahren wurden Rationalisierung – Intensivierung vorangetrieben: Keine einzige Schraube weniger wurde produziert.
Bei sofortiger Einführung der 35 wäre zumindest ein Teil des Produktiviätsfortschritts an die Arbeiter gegangen.
Nur bei sofortiger Einführung wäre eine spürbare Reduzierung der Erwerbslosigkeit erfolgt.

Trotz all dem:
Für fast 20 Jahre haben die Metaller für ein gemeinsames Ziel gekämpft! Unter der Losung 35 war ein wichtiger Teil der Klasse, das Industrieproletariat, vereinigt. Zumindest eine Zeit lang.

[2003 Verlorener Streik für die 35 in Metallind. in östlichen Bundesländern. Wurde im Westen verraten, Autoind. stand nicht still. Opel- und Daimler-BR-Vorsitzende riefen zum Streikbruch auf.]

2004 Weitere Liquidierung des Normalarbeitstages durch Pforzheimer Abkommen – von IGM und SüdwestMetall in BaWü. beschlossen. Es macht unbezahlte Arbeit möglich. Massivster Angriff auf 35 seit 20 Jahren!

[In den großen Automobilfabriken werden die DGB-Zahlen aus den 1980er Jahren schon längst übertroffen. Also das Verhältnis von Arbeit fürs Kapital und Arbeit für die Lebensmittel je Arbeitsstunde = Ausbeutungsgrad bei Marx]

Nochmal:
Für das Kapital ist es weniger wichtig, wieviel die Arbeitsstunde kostet. Der Lohn verteuert sich nur wenig bei Arbeitszeitverkürzung.

Wichtig ist fürs Kapital, dass der Arbeiter solange wie möglich an der Maschine steht, heute wieder einmal an den besten, produktivsten der Welt.

Wo stehen wir heute?
Während die französischen Arbeiter in Massenstreiks die gesetzliche (!) 35-Stundenwoche verteidigen, greifen die Klassenorganisationen der deutschen Kapitalisten das AZG an.
Die Kapitalverbände (BDA) fordern vom Staat die Streichung des 8-Stundentages aus dem AZG.

„Auch einmal über 10 Stunden hinaus arbeiten“ muss möglich sein, meint der BDA-Präs. Kramer. Also alle Schranken beseitigen, wie einst Borsig und die Schlotbarone forderten.

Dieser Angriff zeigt nun, dass der offensive Kampf um Arbeitszeitverkürzung, um den Normalarbeitstag, von unseren Gewerkschaften sträflich vernachlässigt wurde.

Mit den Erfahrungen, die ich versuchte zusammenzufassen, die einen wichtigen Teil der jüngsten Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung bilden, muss eine neue Debatte zur Arbeitszeitverkürzung losgetreten werden.

Koll., Gen., wir sind wieder in der Defensive! Greifen wir endlich an mit der ganzen Kraft der Gewerkschaftsbewegung!

Glückauf!